Abschied vom König

Abschied vom König

IN MEMORIAM E. Z.

 

Es war sein größter Wunsch:
Er wollte noch einmal in der Sahara spazieren gehen!
Und: Er war ein König – und er wird es bleiben! Zwar haben inzwischen einige Kronprinzen erfolgreich die Regentschaft fortgeführt, aber er, der erste König der Krämerbrücke, wird unvergessen bleiben!

Denn ohne Egon Zimpel, Bild- und Lebenskünstler, wäre die Brücke heute nicht, was sie ist: Lebensraum für die besondere, wenn auch leider nicht immer geschützte Spezies der Brückianer, als da sind:
Künstler, Krämer, Köche in den Erdgeschoss-Basisstationen und die Kraxelkünstler oben drüber, die Nachtschicht in den Obergeschossen, zumeist kulturbesessene MieterInnen – inzwischen auch ergänzt durch temporäre Wechselschichten in diversen Pensionsstuben, besetzt mit Touristen aus aller Welt.

Egon Zimpel, Jahrgang 1943 und studierter Maler, der jahrelang auch selbst Kunstjünger in Kursen unterrichtete, aber auch Theaterenthusiast, Filmfan und Globetrotter war, gehörte nach über 40 Jahren zu den dienstältesten Bewohnern dieses speziellen Biotops und sorgte von Anfang an kämpferisch und unerschrocken dafür, dass diese unverwechselbare Durchmischung, dieses historische Bauensemble als Teil einer alten Handelsstraße sich bis heute von den allbekannten Shoppingmeilen, aber auch von vergleichbaren Architekturgebilden im südlicheren Florenz und im nördlicheren Bath spürbar abhebt.
Denn die Erfurter Krämerbrücke lebt vor allem durch Vielfalt und Zusammenhalt ihrer Brückenfamilie, und der Reisende, der sie aufmerksam genug überquert, kann sich dieser spezifischen Ausstrahlung kaum entziehen.

Egon engagierte sich vielseitig und immer durchaus streitbar im Erfurter Kulturleben, unter anderem im Kinoklub und im Verein Neues Schauspiel, aber er gab aus den obengenannten Gründen auch den entscheidenden Anstoß zur Gründung einer Krämerbrückenstiftung im Jahr 1990, die seither nicht nur die finanzielle Unterstützung vieler Sanierungsvorhaben sichert, sondern auch dauerhaft verhindert, dass Immobilienspekulanten und Handelsketten von der Brücke Besitz ergreifen und damit ihren Charakter zerstören könnten.

Oft musste daher sicherlich König Egons künstlerische Tätigkeit hinter die als Vertreter der Händler und Mieter in dieser Stiftung für deren Wohl und Wehe zurücktreten – und doch konnte er Ausstellungen in aller Welt aufweisen, denn in ebendiese weite Welt zog es ihn mehrmals, um dann allerdings immer wieder voller Eindrücke und Bildideen zurückzukehren in sein Dachwohnungs-Atelier auf der jahrhundertealten Brücke.

Mitte der 90er Jahre wurde ihm Afrika mit seiner Natur und seiner Kunst mehrmals zum Sehnsuchtsziel, denn neben der schon legendären Serie der Sandbilder, entstanden mit den speziellen Techniken der einheimischen Künstler, war der selbst gedrehte Film „Die Farben des Windes“, der unter anderem auch Egons Entdeckungen historischer Malereien an Felswänden in der Sahara dokumentiert, seine Ausbeute.
Die Tuareg sehen in diesem ihrem Lebensraum einen Ort der unendlichen Freiheit, der den Menschen zugleich in seine Schranken weist und als ein Seelenspiegel auf sich selbst zurückwirft.
Der Tuareg Mano Dayar sagte, und das ganz besonders wohl auch für Egon Zimpel:
„Die Wüste ist ewig für den, der dort lebt. Diese Unvergänglichkeit schenkt sie dem, der sich ihr hinzugeben weiss.“

Es war Egons Art und erfüllte ihn, durch seine Kunst einem Erlebnis Dauerhaftigkeit zu verleihen – so wie er gemeinsam mit seinem Schriftstellerfreund Hans-Jörg Dost sich und seinem Königreich Krämerbrücke ein Denkmal gesetzt hat mit dem märchenhaften Kinder- und Erwachsenenbuch „Ein Sommer mit Brückenkater Franz“.

Seine Kunst spiegelte sein Wesen: nicht spektakulär, aber auch nur auf den ersten Blick unscheinbar, immer konsequent, eindringlich, klar, weil ehrlich, in seiner trotz aller äußeren Betriebsamkeit tiefen inneren Ruhe umso näher und intensiver am und im Leben und also selbstbewusst durch Bescheidenheit, mit zugleich hohem Anspruch an sich und die Welt, im steten Wechsel von Heiterkeit und Nachdenklichkeit:
König und Clown zugleich mit einem weinenden und einem lachenden Auge wie auf seinem bekanntesten und heute noch beliebten Plakat zum Krämerbrückenfest!

Der König ist tot – es lebe der König!
Salute, Egon, die Brücke dankt und wird Dich nie vergessen!

Erfurt, im April 2022
Dr. Jutta Lindemann

 

Foto: Marcel Krummrich