Licht und Schatten 2019 – Erleuchtungen 2020?

Wo viel Licht ist,
ist starker Schatten.

(Johann Wolfgang von Goethe
in: Götz von Berlichingen)

Das scheint eine Binsenweisheit zu sein – und auch einfach ein Naturgesetz, physikalisch bedingt, wenn etwas oder jemand eine Quelle verdeckt, die uns eben noch Licht und Wärme spendete.
Blickt man auf ein Jahr zurück wie das nun vergangene, scheint der Wechsel von Licht und Schatten im Fluss der Ereignisse stets selbstverständlich und unabwendbar.
Aber es gibt Düsternisse, mit denen ich mich nicht abfinden mag, weil sie die Kraft des Hellen, Guten so nachhaltig schwächen, dass sie diese zu vernichten drohen.

Im Frühjahr dieses Jahres entwickelte sich unverhofft ein Geschehen, dessen Wurzeln über 50 Jahre zurückreichen:
Ein Zeitungsartikel und das beigefügte Foto des abstrakt-expressiven Gemäldes „Die Kunst der Fuge“ (seit den 90er Jahren als „Soli Deo Gloria“ auch in der Berliner Mauergalerie zu finden) weckten in mir blitzartig Erinnerungen an eine von Mitstudenten im Oktober 1968 in ihrem Quartier „Hütte 5“ am Erfurter Fischersand organisierte private (und damit damals eigentlich auch nicht ganz legale) Ausstellung von Bildern des betagten Künstlers Johannes Meissel aus Neudietendorf, den wir wenige Monate später zu seinem Grab begleiteten.
Diese Ausstellung und die Begegnung mit jungen Menschen, die seine Kunst zu schätzen wussten, gehörten offenbar zu den letzten Freuden des Malers, wie er ins Gästebuch von „Hütte 5“ schrieb. Und vielleicht ist das alles sogar ein kleines Kapitel Thüringer Kulturgeschichte.

Es gelang uns, im September 2019 im Museum Rittergut Ingersleben den Schatz seiner dort bewahrten Zeichnungen und Bilder gemeinsam noch einmal zu besichtigen, dabei begeistert auch Neues zu entdecken und ihm anlässlich seines 50.Todestages an seinem Grab auf dem Friedhof der Brüdergemeine Neudietendorf die Ehre zu erweisen. Ein erster Kontakt zum Angermuseum Erfurt gibt nun Anlass zur Hoffnung auf späte Anerkennung auch in der heutigen Kunstwelt.

Doch über meine nachhaltig geglaubte Freude fiel nur wenige Wochen danach ein Schatten, der ebenfalls an Wurzeln im Vergangenen rührt – in meinem eigenen Leben und in der Geschichte unseres Landes:

Im Halleschen Paulusviertel mit den Straßennamen nach deutschen Dichtern und Denkern bin ich aufgewachsen und als Kind oft durch die Humboldtstraße und auch an den Mauern mit den hohen Bäumen dahinter vorüber gegangen, ohne noch zu ahnen, was sich dahinter verbirgt.
Als ich im Oktober 2010 die jüdische Gemeinde von Halle bat, ihren historischen Friedhof fotografieren zu dürfen, wurde ich herzlich eingeladen, auch zur Teilnahme am Sabbatabend in der Synagoge auf dem Friedhofsgelände, vor der ich einen Davidstern im Pflaster entdeckte.

Daran erinnere ich mich mit Freude und Dank, die den Schrecken des 9. Oktober 2019 überstrahlen sollen wie das warme Licht aus den schönen Glasfenstern, das ewig die Dunkelheit erleuchten möge!

In seinem letzten Lebensmoment wünschte sich Goethe „Mehr Licht!“

Vielleicht (hoffentlich) konnte er es schon sehen …

Uns allen wünsche ich zunächst erst einmal für das kommende Jahr

 

ERLEUCHTUNGEN!