Kurt Paulus und Susanne Worschech – Elemente

Kunst im Arbeitsamt

Was sich in öffentlichen Räumen des Erfurter Arbeitsamtes seit 22. Oktober 1998 den Mitarbeitern und Besuchern präsentiert, ist Resultat einer bundesweiten Ausschreibung, an der sich insgesamt neun Bewerber beteiligten, denen kein Thema vorgegeben war außer den Intentionen, die Inhalt und Charakter eines solchen Hauses prägen. Geht man aber dem Wesen der menschlichen Arbeit auf den Grund, führt die Spur fast zwingend zurück zum Wesen alles Gewachsenen und Geschaffenen.

 

Elemente entsprechen in der antiken Naturphilosophie den einfachsten Bestandteilen, „aus deren Zusammenfügung oder Trennung Werden und Vergehen der Körperwelt erklärt wurde“ – sagt jedenfalls das Brockhaus Lexikon. Also haben wir es gewissermaßen mit einem Baukasten der Götter zu tun.

 

Wir empfinden heute das Wirken der vier Elemente häufig vor allem intuitiv und assoziativ über den Eindruck, den uns Farben und Materialien vermitteln, ohne zu ahnen, dass wir darin den Gedanken der antiken Philosophen folgen:

 

Aristoteles beispielsweise weist ihnen Eigenschaften zu, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen: Feuer ist warm und trocken, Luft warm und feucht, Wasser kalt und feucht, Erde kalt und trocken – Eigenschaften, die sich durch Färbung, Textur und Faktur von Werkstoffen auch ganz bewußt ausdrücken lassen, wenn der Mensch sie gestaltend verwendet, und die in unserer Psyche unterschiedliche Empfindungen und Stimmungen hervorrufen können.

 

Vielleicht brachte gerade diese Erfahrung den Nürnberger Kurt Paulus auf den Gedanken, dass es letztlich die geistige und körperliche Energie des Menschen ist, die als fünfte Kraft über die kreative Zusammenführung der Elemente der Natur seine eigene, selbst geschaffene Welt zugesellt.

 

So stellt sein Konzept „Arbeit – das 5. Element“, das offen und flexibel gehalten ist, wie es dem Charakter des lebendigen, produktiven Umgangs menschlicher Arbeit mit Erde, Feuer, Wasser und Luft entspricht, die eher emotional-sinnlich erlebbaren Naturelemente dem stärker rational bestimmten Wesen der Arbeit gegenüber – erkennbar durch den Gegensatz zwischen einerseits sachlich schwarzweisser Typografie der Textreihen und andererseits malerischen Texturen der Fotoflächen aus bis zu 25 übereinander gelagerten Farbschichten.

 

Jedoch werden die vier Elementarbereiche zugleich in immer neuen Varianten zueinander in Beziehung gesetzt: Entweder sind beispielsweise in den Warteräumen jeweils fünf Bildflächen immer neu zueinander geordnet oder – bei den Säulen des Arbeitsbereichs selbstinformation gegenüber dem Foyer im Erdgeschoss – die Textbänder der Gewichtigkeit des jeweils dazu gefügten Naturelements entsprechend unten oder oben um den Säulenkörper geführt, zusammengefasst in einer zentralen fünften Säule mit allen vier Elementstreifen und dem gesamten Textblock aller Berufsbezeichnungen von A bis Z.

 

Einen Höhepunkt setzt das Foyer, denn wie im Arbeitsprozess selbst oder auch in den natürlichen Metamorphosen der Elemente spielt hier zusätzlich die Bewegung in Raum und Zeit eine entscheidende Rolle:

 

Durch das zeitversetzte, aber unaufhörlich fließende Auf und Ab der beidseitig siebdruckbeschichteten Bahnen geraten die einzelnen Farb- und Textflächen in ständig neue Konstellationen zueinander und ermöglichen dadurch auch immer neue ästhetische Wahrnehmungen mit der schließlichen Erkenntnis: Die in der Arbeit zusammengeführte aktive Bewegung von Geist und Materie verändert die Welt.

 

Der Gedanke kulminiert noch einmal und auf ganz neue Weise im Konferenzsaal, wo das Konzept von Kurt Paulus nicht ganz zufällig der Wandinstallation „The Inner Forces“ von Susanne Worschech begegnet.

 

Die Erfurter Künstlerin tut ganz direkt das mit Kopf und Händen, wozu Paulus konzeptionell auffordert: Sie führt mit Hilfe des fünften Elements Arbeit Erde, Wasser, Feuer und Luft nach dem vor Jahrtausenden erfundenen Rezept unter dem Stichwort Keramik zu einer Symbiose, die in eine Metamorphose von der Kraft einer Urschöpfung mündet.

 

Susanne Worschech hat signifikante Bildzeichen dafür gefunden, wie das Zusammenwirken der Elemente unter der energischen Einwirkung der miteinander verbundenen geistigen und körperlichen Kräfte des Menschen von außen nach innen Materie zu Form komprimiert, von der ungebärdig-rauhen Natur zur geglätteten Gebärde einer mehr und mehr funktionsbestimmten technischen Zivilisation.

 

Diese Wandlungen vollziehen sich allerdings nicht immer problemlos: Scheinbar fehlerhafte, doch tatsächlich gewollte und beherrschte Risse und Brüche – im Kontrast zu regelmäßigen Rillen-Rastern – berichten von Widersprüchen und Verwundungen, Zwiespalt und Zweifel, erinnern an die Grenzen der menschlichen Herrschaft über die Natur durch Arbeit, halten unseren Geist am Leben durch den Störfall des Unverhofften.

 

Das elementare Gefühl der Keramikerin für Maß und Verhältnis, Spannung und Harmonie gegensätzlicher Werte jedoch bündelt die auseinanderstrebenden inneren Kräfte trotz allem zu in sich ruhender Stärke.

 

Die Zurücknahme der Farbigkeit auf behutsame Erdtöne steigert den Eindruck des Organiden, auch durch Gegensatz zu den technoiden Akzenten aus kühlem, klarem Weiß im Herzen der Komposition, und konzentriert unsere optische wie haptische Wahrnehmung auf die differenzierten Oberflächenreliefs.

 

Es gibt zwischen beiden Künstlern darüber hinaus auch unterschiedliche Positionen zum Verhältnis von Idee und Realisierung:

 

Während Susanne Worschech in elementarer Formauffassung mit ebenso elementaren Werkstoffen und -vorgängen durch individuelle Handarbeit Unikate erschafft, konfrontiert Kurt Paulus die Ursprünglichkeit seiner zuerst impressiv erlebten und dann expressiv verfremdeten Farb- und Texturwelten aus der Natur und Architektur des Erfurter Raumes mit den gezielt für eine potentielle Serienproduktion perfektionierten und arbeitsteiligen modernen Technologien der Fotografik und des Siebdrucks auf synthetischen Folien und Geweben.

 

Zwischen beiden Konzepten spannt sich der Bogen historischer Entwicklung menschlicher Arbeit ebenso wie das Spektrum künstlerischer Sichtweisen und Handschriften, demonstriert am Modellfall Kunst als dem Sandkasten, Schachbrett, Bühnenraum des großen Weltspiels vom Werden und Vergehen alles Lebendigen im Zusammenprall der Elemente unter der formenden Kraft menschlicher Arbeit – auch dieser besonderen (und oft, wenn auch nicht immer, besonders schönen) Art von Arbeit, die Kunst genannt wird.

 

Dr. Jutta Lindemann